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Hochseilgarten ein Hochseilakt der anderen Art

22 Januar 2013 Keine Kommentare
Hochseilgarten gemeinsam stärker

© ARochau – Fotolia.com

Die Baumhöhe ist, grob gemessen, die letzte Ebene nach oben, auf der sich der Mensch individuell bewegen kann, bevor er zu Gleitschirm oder anderem Fluggerät greifen muss. Kraftvolle Sprünge aus dem Nichts von Ast zu Ast, um in elegantem Schwung punktgenau den Zielort zu erreichen und ohne die geringste Blessur den Aufprall abzufangen, entsprechen nicht der Bauart des homo sapiens. Seine kognitiven Fähigkeiten wiederum erlauben die Verwendung von Hilfsmitteln, die eine faszinierende Erlebniswelt über Gelände eröffnen, ohne dass er dafür abheben muss.

Die Gratwanderung zum Selbst

Aus Dokumentationen über die Geographie Südamerikas sind auch die Bilder bekannt, auf denen sich Menschen in atemberaubender Höhe mittels Hängeseilbrücken über Schluchten bewegen, deren bloßer Anblick schon Gänsehaut erzeugt. Beispielhaft sei die Hängebrücke Queswachaka über den Rio Apurimac in Cusco/ Peru genannt, die aus Pflanzenfasern und Ichu-Gras gefertigt ist. Ihre 28 m Länge und 1,2 m Breite allein sind schon eine Reise in das südamerikanische Land wert.
In Europa gilt Frankreich als Ursprung für den Hochseilgarten, wo 1875 der Franzose Herbert die ersten Parcours errichtete. Bis heute gibt es hier europaweit das größte Angebot an Einrichtungen.
Betrachtet man die Entstehung beim Hochseilgarten, so ging es zunächst weniger um Höhe, als den Einsatz von Kondition und Geschick, um mit den Seilhindernissen ohne eigene Bodenhaftung fertig zu werden.
Damit trainiert und daran gemessen wurden auch Soldaten. Im Zweiten Weltkrieg übernahm Großbritannien diese Art des Soldatentrainings.
„Outward Bound“ ist der Name des Projektes, das in dem kleinen walisischen Ort Aberdovey seinen Ausgang nahm und mit dem britische Soldaten im ganzen Land ausgebildet und sowohl körperlich als auch intellektuell geschult wurden. Im Hochseilgarten war der Aspekt des Teamworks das zentrale Anliegen. Nahezu parallel mit der Entstehungsgeschichte der Outward Bound Schulen in Großbritannien übernahm der Mitbegründer der Erlebnispädagogik, der Pädagoge Kurt Hahn, das Modell in Deutschland.
Die Entwicklung setzte sich in die USA fort und der Hochseilgarten wurde ganz neuen Zwecken zugeführt.
Der Schwerpunkt Teamwork fand weitere Vertiefung in der Pädagogik und der Hochseilgarten kam in Schulen zum Einsatz.
Die Ansprüche wurden nicht nur intellektuell, sondern auch in Metern gemessen höher, die Hindernisse ausgeklügelter.
Ende der 90er Jahre erfolgte die Gründung der European Rope Course Association (ERCA), die den Hochseilgarten überwachte und sicherte. Zur gleichen Zeit entstanden auch in Deutschland erste Parcours, die der Förderung sozialer Lernprozesse dienten. Von der Schule über den Verein bis zum Managementtraining wurde die Fähigkeit zu verantwortlichem Handeln, Vertrauen und Kommunikation bei Trainings im Hochseilgarten angeboten.

Was macht den Parcours zum Hochseilgarten?
Laut Einstufung des ERCA lassen sich Hochseilgärten nach folgenden Kriterien unterscheiden:
– die Anlage steht permanent oder temporär
– die Anlage ist stationär oder mobil
– Elemente sind hoch (mehr als 1 m über Gelände) oder niedrig
– System des Tragwerks besteht aus Masten oder Bäumen
– Konzept der Nutzung ist pädagogisch oder touristisch orientiert

Vom Hochseilgarten ist dann die Rede, wenn zur Nutzung des Teilnehmers eine Sicherung nötig ist. Unter einem Meter Höhe gilt eine Anlage als Niedrigseilgarten.
Der Hochseilgarten im Wald, bei dem Bäume das Tragwerksystem bilden, verlangt einen baumschonenden Umgang. Bei der Installation wird das Holz mit Baumschutzmänteln oder Gummi vor Reibung geschützt, die bei der Nutzung der Übungselemente entsteht. Damit Plattformen und Seile nicht einwachsen, ist ständige Kontrolle und Positionsänderung nötig.
Mit einem Tragwerksystem aus Masten kann der Hochseilgarten künstlich auf freiem Gelände errichtet werden. In der Regel kommen beide Systeme in Kombination zur Ausführung, um einerseits den Erlebniswert zu erhöhen, andererseits unabhängig vom geeigneten Baumbestand zu sein.
Das Angebot richtet sich nach den Schwerpunkten, die der Betreiber bieten will. In den unterschiedlichsten Variationen gibt es die Nutzung von
– Gang über Seile oder frei schwebende Balken
– Seilbahn in einem Fanggurt
– meterhoch gespannte Netze, die hangelnd überwunden werden
– Schwingen an einem Seil
– Hängebrücken oder Seilbrücken über Schluchten oder in großer Höhe
– das Erklettern von Bäumen

Hochseilgarten ein Hochseilakt der anderen Art

© ARochau – Fotolia.com

 

Mit Sicherheit an die Grenze

Bei der Sicherung nach EN 15567 gibt es drei Varianten: Toproe-Sicherung, Kontinuierliche Sicherung und Selbstsicherung.
In der Erlebnispädagogik oder Nutzung des Hochseilgartens im Rahmen von Seminaren, wird die Toproe-Sicherung genutzt, bei der mindestens ein anderer Teilnehmer die Sicherung des Aktiven übernimmt und der Vorgang durch mindestens einen ausgebildeten Trainer überwacht wird. Verantwortungsbewusstsein durch gegenseitiges Sichern unter Aufsicht soll dabei geschult werden.
Kontinuierlich gesichert sind Teilnehmer, bei denen am Beginn des Parcours Karabiner eingehängt werden. Der Nutzer bewegt sich auf einem umlaufenden System und kann sich am Ende selbst wieder aushängen. Kluge Selbstsicherung bedeutet, dass ein Karabiner durchgehend geschlossen ist und erst geöffnet wird, wenn ein anderer an einem sicheren Punkt eingehängt wurde.
Selbstsicherung stellt die klassische Form dar. Der Teilnehmer hängt sich für jede Übung selbständig auf der Plattform ein. Dazu gehören grundsätzlich zwei Karabiner, die einer nach dem anderen eingehängt werden, um den Teilnehmer zu sichern. Auf gewissenhafte Handhabung ist zu achten, weil bei Aushängung beider Karabiner der Teilnehmer gänzlich entsichert ist, was das Risiko im Hochseilgarten lebensgefährlich macht.

 

Gemeinsam stärker

Wie schon ausgeführt, war der Hochseilgarten ursprünglich mehr als eine spielerische Variante des Kletterns just for fun.
Bis heute wird das große Repertoire an Möglichkeiten genutzt, um mit Hand, Herz und Verstand Teamtraining, Teamentwicklung und Persönlichkeitsbildung zu fördern.
Wo ein Team den Parcours meistern muss, wird das schwächste Mitglied zum Maßstab. Um die Gruppe als solche zu erhalten, muss das schwächste Glied effizient gefördert und begleitet werden und wird diese Unterstützung als Vertrauen erweckend und Ermutigung wahr nehmen. Die Anbindung am Seil mit eingehängtem Karabiner dient der mechanischen Sicherung, die Rücksichtnahme und Unterstützung des Teams, der menschliche Griff am Halteseil zeigt Verantwortung und den Wert, den die Gruppe auch einem schwächeren Mitglied beimisst. Wer sich in dem Ambiente überwinden kann, über die eigenen Grenzen, die er sich selbst suggeriert hat, hinaus zu gehen, kann auch den nächsten Konflikt im Alltag möglicherweise gelassener angehen.

Der Trend zu reinem Freizeitvergnügen mit einem immer höheren, schwierigeren und ausgefalleneren Angebot im Hochseilgarten hat erst in den letzten Jahren zugenommen. Es geht darum, dass der Besucher, egal welcher Altersklasse, Mut und Kondition beweist.
Gesundheit, festes Schuhwerk, wetterfeste Kleidung und eine zumindest begrenzte Höhenangst sind die einzigen Voraussetzungen, die beachtet werden müssen.
Der Hochseilgarten ist, auch mit touristisch ausgerichtetem Angebot, in der Regel für Gruppen ausgelegt. Da ein ausgebildeter Trainer die Begleitung übernimmt, sollte eine rechtzeitige Anmeldung beachtet werden, bei der auch die Gruppengröße angegeben wird. Der Trainer wird analog zu den Fähigkeiten der Teilnehmer eine Route vorschlagen, die dem Können und der Zumutbarkeit angemessen ist. Der Spaßfaktor in Verbindung mit gelegentlichem Herzklopfen darf für keinen zu einem traumatischen Erlebnis werden. Diesbezüglich sollte der Laie dem Rat des Trainers folgen.



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Klettern, balancieren und rutschen Sie nach Herzenslust.

Erlebnisse schenken bei Jochen Schweizer

 

Der Hochseilgarten nebenan

Wer ein Faible für dieses Erlebnis entwickelt hat und auch im Urlaub nur ungern darauf verzichten will, ist im deutschsprachigen Raum praktisch flächendeckend versorgt. In Deutschland gibt es aktuell etwa 400 Hochseilgärten, in Österreich 67 und in der Schweiz 40, mit der Betonung auf aktuell, da das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht zu sein scheint.
Der Trend boomt und ob zum Spaß oder mit erlebnispädagogischem Hintergrund:
Wer nicht sicher ist, wo die eigenen Grenzen liegen, kann die hier jedenfalls einmal gefahrlos austesten.

 

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