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Solidarische Landwirtschaft – Wirtschaften mal menschlich

7 Mai 2013 Keine Kommentare
Solidarische Landwirtschaft - Wirtschaften mal menschlich

© Rémy MASSEGLIA – Fotolia.com

Kaum eine Frage wird in den Medien, Fachzeitschriften und Magazinen häufiger gestellt als jene der richtigen Ernährung. Falsche, fettige, ungesunde Ernährung und Bewegungsmangel haben Krankheiten wie Fettleibigkeit und Diabetes zu echten Volksleiden gemacht. Doch anstatt nach neuen Diäten oder Fitnessprogrammen Ausschau zu halten, um das Problem zu lösen, möchten wir heute einmal das Problem an seinen Wurzeln erörtern: Bei der Nahrungsmittelproduktion. Denn wir essen vor allem deswegen falsch, weil wir Falsches serviert bekommen. Die solidarische Landwirtschaft stellt ein Konzept dar, nachdem Menschen ihre Lebensmittel wieder direkt beim Bauernhof bestellen – frisch, gesund und genau, wie wir sie benötigen.

Die Agrarindustrie schadet Natur und Mensch

Um doch mal ehrlich zu sein, darüber, dass die Mehrheit der Deutschen sich falsch ernährt, fettleibig ist oder andere gesundheitliche Schäden davonträgt, brauchen wir uns kaum zu wundern. Wir stehen morgens auf, schnappen die Schoko-Flakes und mischen sie mit der H-Milch, bevor wir zur Arbeit eilen. In der halben Stunde Mittagspause laufen wir schnell zum Fast-Food-Restaurant und kaufen vorgefertigte Burger mit Pommes. Abends nach der Arbeit geht es noch eilig in den Supermarkt: Lasagne für die Mikrowelle, ein Brot in Plastiktüte, gesunder Fruchtsaft im Recycling-Karton – Der Mensch schenkt dem Thema Ernährung gerade noch die wenigen kleinen Lücken seines durchgeplanten Alltags. Die Lebensmittelindustrie hat sich derweil darauf eingestellt. Sie stellt alles so bereit, dass es besonders schnell konsumiert beziehungsweise zubereitet werden kann. Und wir nehmen das Angebot dankend an. Was dabei in Vergessenheit gerät ist, dass unsere Ernährung der Grundstock für unser gesamtes Leben ist. Von ihr hängt ab, wie wir uns fühlen, wie leistungsfähig wir sind und ob wir 20 Prozent unseres Lohns für das Gesundheitssystem aufbringen. Seit Beginn der Arbeitsteilung haben wir nach und nach diesen grundsätzlichen Bezug zu unseren natürlichsten Bedürfnissen verloren und sind schließlich bei der Industrie-Ernährung angekommen. Mit den offensichtlichen Folgen.

Doch nicht nur der Verbraucher leidet unter dem Missverhältnis, das wir zu unserer Ernährung führen, auch die Natur und die Produzenten selbst. Denn die Agrarindustrie, die wie jede andere Industrie an die wirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten gekoppelt ist, nimmt wenig Rücksicht auf die Natur beziehungsweise die Menschen, die sie bewirtschaften. Es sind inzwischen gewohnte Bilder im Fernsehen, wenn wir Menschen sehen, die in Afrika die Fische aus ihrem See angeln, die sie früher zu essen pflegten – damit sie auf unserem Teller landen. Halb verfaulte Gerippe gibt man den Arbeitern als Ersatz. Doch auch vor der heimischen Haustür kämpfen die Bauern mit dem Preisdruck, den ihnen Lebensmittelunternehmen aufzwingen, denn sie sind abhängig. Dieser Preisdruck schlägt sich in der Qualität der Lebensmittel wieder, in der Nachhaltigkeit ihres Anbaus und schlussendlich in der Lebensqualität unser eigentlichen Versorger, der Landwirte.Gemüse, das irgendwie nach Wasser schmeckt, überdüngte, untaugliche Böden, Bauernschwund, das sind die Folgen. So bleibt das Gefühl, das etwas falsch läuft in einem Ernährungssystem, das von den Wirtschaftsmechanismen nicht abhängig sein dürfte.

Das Konzept: Landwirtschaft abkoppeln

Bereits in den 60er Jahren ist eine Idee entstanden, die für uns so wichtige Ernährung von den hochdynamischen Wirtschaftsmechanismen der Globalisierung abzukoppeln. Diese Idee nennt sich in Deutschland solidarische Landwirtschaft und ist hierzulande noch wenig verbreitet. Im Grunde geht es darum, den Menschen wieder direkt zu verbinden mit der Lebensmittelproduktion und somit sein Bewusstsein für Ernährung wieder aufzubauen. Konkret heißt dies, dass sich mehrere Haushalte in Verbrauchergruppen zusammenschließen und einen Landwirt direkt mit dem Auftrag belegen, sie zu ernähren. Dabei wird zu Beginn eines Jahres gemeinsam mit dem Landwirt und den Haushalten festgelegt, was produziert werden soll und vor allem wie es produziert werden soll. Wer sein Gemüse nach bestimmten ökologischen Richtlinien oder sein Fleisch nach bestimmten ethischen Vorgaben produziert haben möchte, kann seine Wünsche einfließen lassen und hat so direkten Einfluss auf den Produktionsprozess seiner Lebensmittel. Anschließend zahlen die Verbraucher einen Festbetrag für einen Monat, ein halbes oder ein ganzes Jahr im Voraus, wodurch die Produktion, die Instandhaltung des Hofes und die Gehälter der LandwirtInnen und MitarbeiterInnen gesichert werden. Dafür bekommen alle beteiligten regelmäßig die Erträge des Hofes – erntefrisch, ohne Umwege und unbelastet.

Dieses System, in dem Menschen sich auf regionaler Basis selbst versorgen, ist nicht etwa ein utopische Idee. Zwar gibt es in Deutschland erst etwa 30 landwirtschaftliche Betriebe, die nach diesem Prinzip arbeiten, anderswo auf der Welt ist das System jedoch schon lange Bestandteil der Ernährungswirtschaft. Bei unseren Nachbarn in Frankreich sind es 1.000 Betriebe, in den Vereinigten Staaten haben bereits 6.500 Betriebe den üblichen Mechanismen entsagt und in Japan läuft knapp die Hälfte der gesamten Landwirtschaft nach diesem Prinzip ab. Das zeigt, wie viele Menschen gewillt sind, den in Industriestaaten üblichen Mechanismen zu entkommen – und bereit sind, dafür Einschränkungen hinzunehmen.

Selbstversorgung bedeutet Selbstbestimmung

Natürlich kann eine Versorgung nach dem Prinzip der solidarischen Landwirtschaft keine Versorgung in der Vielfalt eines Supermarktes bereitstellen. Vor allem produzieren Bauernhöfe die Grundprodukte unserer Nahrung wie Gemüse, Obst, Fleisch und Molkereiprodukte beziehungsweise einfache Weiterverarbeitungen davon, wie Brot oder Wurst. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, wieder selber zu kochen, sich eventuell auf neue Geschmäcker einzustellen und auf gewisse Dinge, die die Nahrungsmittelindustrie hervorgebracht hat, zu verzichten. Vor allem aber müssen wir Zeit investieren in unsere Ernährung, was nicht jeder bewerkstelligen kann. Hier kann jedoch einer dem anderen unter die Arme greifen – und wird auf besondere Weise entlohnt. So beruht das System der solidarischen Landwirtschaft auf dem Prinzip gegenseitigen Vertrauens und Mithilfe. Die Verbraucher setzen ihr Vertrauen in den Landwirt und dieser zahlt es mit seiner bestmöglichen Leistung zurück. Ebenso übernehmen Menschen der Versorgungsgemeinschaft Aufgaben innerhalb der Ernährungskette: Sie verteilen die Produktion, organisieren den Transport oder verarbeiten die Lebensmittel. Dabei entsteht auch die Möglichkeit, selbst auf dem Hof tätig zu werden. Nicht wenige entdecken eine Leidenschaft dafür, im Sommer Obst zu pflücken, im Herbst Pilze zu züchten oder mit den Tieren zu arbeiten. Durch die Beteiligung der Verbraucher an der Produktion der Lebensmittel entsteht ein neues Verhältnis des Menschen zu seiner Ernährung. Er spürt, wie sie hergestellt wird, die Arbeit, die die Herstellung kostet und was die Lebensmittel wert sind – und lernt so zu schätzen, welchen Anteil Ernährung in unserem Leben spielt. Eine gesunde Ernährung ergibt sich so, durch die hochwertigen Lebensmittel, dem Bewusstsein für Nahrung und ihre Herstellung sowie den Verzicht auf Fertigprodukte ganz von selbst. Denn was wir essen, daraus bestehen wir, das sind wir. Eigene Lebensmittel, das bedeutet somit Selbstbestimmung.

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